Von Prof. Dr. Harald G. Schweim

Der Begriff hat drei Aspekte: Kultur, Jagd und lebendig.

Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alle Erscheinungsformen menschlichen Daseins, die auf bestimmten Wertvorstellungen und erlernten Verhaltensweisen beruhen und die sich wiederum in der dauerhaften Erzeugung und Erhaltung von Werten ausdrücken – als Gegenbegriff zu der nicht vom Menschen geschaffenen und nicht veränderten Natur. Der Begriff ist im Lauf der Geschichte immer wieder einem Bedeutungswandel unterzogen worden. Je nachdem drückt sich in der Bezeichnung „Kultur“ das jeweilige Selbstverständnis oder der Zeitgeist, der Herrschaftsstatus oder -anspruch bestimmter gesellschaftlicher Klassen oder auch wissenschaftliche und philosophische Anschauungen aus.

Jagd ist das Aufspüren, Verfolgen, Fangen und Erlegen von Wild durch Jäger(innen). In der deutschen Jägersprache traditionell auch Waidwerk genannt, ist die Jagd das Handwerk des Jägers/ der Jägerin. Sie zählt, zusammen mit der ebenfalls auf Gewinnung von Naturprodukten gerichteten Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei, zur Urproduktion. Zwingend damit verbunden ist das „jagdliche Brauchtum“. Es beschreibt die Summe der traditionellen Verhaltensweisen und Gepflogenheiten im Jagdwesen, die Jäger/Jägerinnen untereinander und während der Jagd ausüben. Es sollte nicht mit der Waidgerechtigkeit verwechselt oder auf sie reduziert werden, die allerdings ein Teil davon ist.
Waidgerechtigkeit ist die Summe der geschriebenen und ungeschriebenen Regeln für eine fachgerechte Jagdausübung. Sie ist gesetzlich vorgeschrieben und damit mehr als nur eine persönliche Einstellung – sie ist Pflicht. Die moderne Waidgerechtigkeit beruht auf:
Tierschutz: Verantwortung für das Tier - Du siehst das Wildtier als Mitgeschöpf. Dein oberstes Gebot ist es, vermeidbares Leid zu verhindern.
Sicherer Schuss: Du schießt nur, wenn du das Wild zweifelsfrei angesprochen hast und einen sofort tödlichen Schuss antragen kannst.
Nachsuche: Eine Nachsuche bei unklaren Schusszeichen ist eine unbedingte Pflicht, um verletztes Wild schnellstmöglich zu erlösen.
Respekt: Du behandelst das erlegte Wild stets mit Achtung.
Verantwortung für den Lebensraum: Du verstehst dich als Teil des Ökosystems Wald-Wild und handelst entsprechend.
Nachhaltige Bejagung: Deine Abschussplanung orientiert sich an der Tragfähigkeit des Lebensraums und der Sozialstruktur der Wildpopulation.
Hege als Lebensraumgestaltung: Du schaffst und pflegst Biotope.
Ganzheitlicher Blick: Du siehst nicht nur das einzelne Tier, sondern die komplexen Zusammenhänge zwischen Wald, Feld und Wild.
Mitmenschlichkeit: Deine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft - Du repräsentierst die gesamte Jägerschaft. Dein Verhalten entscheidet mit über das Ansehen und die Akzeptanz der Jagd in der Öffentlichkeit.
Vorbildliches Verhalten: Du trittst gegenüber anderen Jägern, Grundeigentümern und der nicht-jagenden Bevölkerung respektvoll und anständig auf.
Transparenz: Du bist bereit, dein Handeln sachlich zu erklären und für die Jagd zu werben.
Selbstbeschränkung: Du tust nicht alles, was das Gesetz erlaubt, sondern nur das, was dein Gewissen
als Waidmann zulässt.

Bis hier werde ich sicher von Verfechtern der „Lebendigen Jagdkultur“ nur Zustimmung ernten.
Lebendig, der schwierigste Begriff der Trias. Das Gegenteil von "lebendig" ist "tot".
Die Form der „lebendigen Jagdkultur“ die ich meine, ist nicht, „Asche bewahren“, (im Sinne von tot), sondern sich auf der Basis von solidem, überkommenen Wissen, auch immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen und neuen Gegebenheiten anzupassen. Damit möchte ich mich hier mit einem Beispiel befassen.

In meiner Jugend, ich bin 75 Jahre alt und stamme aus Schleswig-Holstein, gab es dort (an der Westküste) nur wenig bis kein Schwarzwild. Wie sagte mein Vater immer: „Wenn eine Sau gefährtet wurde, gab es eine Hegeringversammlung zum Bestaunen der Fährte“. So wurden in S-H z.B. im Jagdjahr 1969-70 1259 Stück Schwarzwild (überwiegend in den östlichen Landesteilen) erlegt, im Jagdjahr 2019-20 hingegen 19864. Die vielfältigen Gründe für das „explosionsartige“ Anwachsen der Bestände, (u.a. den Maisanbau), will ich hier nicht im Einzelnen referieren. Dazu kommen die Risiken durch die Afrikanische Schweinepest ASP (für die Schweineproduktion für Lebensmittel) und die Aujeszkysche Krankheit (für unsere Jagdhunde).
Als Mittel zur Reduktion von Schwarzwildbeständen wird bis heute überwiegend auf die „Drückjagd“ gesetzt. Drückjagden, allerdings in einer Form die mit unseren Prinzipien der Waidgerechtigkeit nicht vereinbar wären, (z.B. Treiben in Netze), gab es schon in der Antike und verstärkt im Mittelalter. Ziel war ein langsames Zudrücken, nicht Hetzjagd bis zur Erschöpfung des Wildes, auf die „Abschlachtplätze“ des Adels vor allem von Hochwild. Eine widerwärtige Jagd aus der heutiger Sicht. Leider haben aber auch die heutigen Drückjagen keinen nennenswerten Beitrag zu Reduktion des Schwarzwildes gebracht, dafür aber viele „Auswüchse“, die nach meinem Verständnis nicht mit „Jagdkultur“ zu vereinbaren sind*.

Das Schwarzwild hat sich in den letzten Jahren erheblich vermehrt und bislang schwarzwildfreie Gebiete besiedelt. Die Folgen sind unter anderem steigende Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen, erhöhte Schweinepestgefahr und mehr Wildunfälle. Am besten kann das Ziel, überhöhte Schwarzwildbestände zu reduzieren, dadurch erreicht werden, dass alle Betroffenen zusammenwirken, insbesondere durch die Bildung von Schwarzwild-Arbeitsgemeinschaften zur Entwicklung eines den örtlichen Verhältnissen angepassten Bejagungskonzepts. Intensive Bejagung unter Nutzung aller zulässigen Jagdarten, insbesondere Durchführung von revierübergreifenden Bewegungsjagden und Sammelansitzen. Ganzjähriger Abschuss von Überläufern und vor allem von Frischlingen bei jeder sich bietenden Gelegenheit, ohne Rücksicht auf deren körperliche Stärke. In der Zeit von Oktober bis Januar forcierte Bejagung von Bachen unter Erhöhung des Bachenanteils auf mindestens 10 % (besser sogar 20 %) der
Gesamtstrecke möglichst** unter Schonung der Leitbachen. Intensive Schwerpunktbejagung in den Feldrevieren, aber auch an der Wald-Feld-Grenze in den Sommermonaten, besonders während der Zeit der Milchreife von Mais und sonstigem Getreide. Während der  wildschadenskritischen Zeit bis zum Abernten der Felder reduzierte Schwarzwildbejagung innerhalb größerer Waldgebiete. Beschränkung der Kirrung auf den geringst möglichen Umfang (1 Kirrplatz je 100 ha Revierfläche beschickt mit max. 1 kg artgerechtem Kirrmaterial und dessen Abdeckung). Abstimmung über die räumliche und zeitliche Verteilung der Kirrung in der Schwarzwildarbeitsgemeinschaft. Im Feld grundsätzlich keine Kirrung bis zum Abernten.

Alle diese – und vergleichbare - Maßnahmen haben FAKTISCH nichts im Sinne einer Schwarzwildreduktion erreicht. Auch der Einfluss der wiedererstarkten Wolfspopulation ist vernachlässigbar. In Studien liegt der Schwarzwildrisse bei 5 bis 15%, keine wehrhaften Stücke. Der Opportunist Wolf reißt lieber leichter erreichbare, nicht wehrhafte Beute wie Haustiere (z.B. Schafe). Jagdlich sorgt der Wolf nur dafür, dass das intelligente Schwarzwild u.a. NOCH nachtaktiver, wachsamer, Meidung offener Flächen und kürzere Äsungszeiten wird, was alles den Jagderfolg der Jäger/innen erschwert. Die erhöhte Wachsamkeit soll z.B. dazu führen, dass Drückjagden nur „Mini-Strecken“ ergeben, die für eine
Reduktion irrelevant sind, weil die Sauen schon die Vorbereitungen (besonders bei Drückjagd-Sitzbau und Auszeichnen der Gefahrenwinkel im Wald durch den Staat) mitbekommen und abwandern.

Aus meiner Sicht muss also ein Strategiewechsel der Schwarzwildbejagung stattfinden.
Unter „Jagdverantwortlichen“ (Politikern) – ich würde sie eher als „Unverantwortliche“ bezeichnen – wird daher immer mal wieder im Sinne der „Jagdkultur“ so ein Graus wie großflächiger Einsatz von „Saufängen“ oder Vergiftungsaktionen“ oder „Abschussaktionen“ durch Nicht-Jäger (Polizei oder Militär mit ungeeigneten Waffen) diskutiert. So sollen z.B. die Polizei und das Militär in verschiedenen Regionen Europas die Afrikanische Schweinepest (ASP) bekämpft. In Polen sollen Soldaten und Polizisten künftig auf Wildschweine schießen dürfen, um die Ausbreitung der ASP zu stoppen.

Die aktuelle Lage der ASP in Deutschland zeigt, dass die Situation weithin kontrolliert ist. Z.B. in Nordrhein-Westfalen wurden 236 Funde mit positivem Test auf ASP festgestellt, alle im gezäunten Kerngebiet. Die Einschätzung der ASP-Situation ist derzeit optimistisch, es gibt keine Hinweise auf eine unkontrollierbare Ausdehnung und „Horrorvisionen“ bleiben im „Giftschrank“, können aber jederzeit wieder „virulent“ werden. So sind z.B. Schwarzwildvergiftungsaktionen derzeit sind akut nicht geplant, bleiben aber im möglichen Maßnahmenportfolio. Das ist anders mit dem Saufang. Er ist für die Fangjagd von Wildschweinen. Dabei handelt es sich um eine Tierfalle, ein samt Auslösemechanismus versehenes Gatter, in das Wildschweine mittels Lockfütterung gelockt werden, um sie anschließend darin zu töten. Um den Fangerfolg zu maximieren und ganze Rotten zu fangen, wird dem Wild eine Zeit lang wiederholt ermöglicht, die Kirrung im Saufang unbehelligt aufzusuchen, bevor der Schließmechanismus ausgelöst wird. Während die Falle in früheren Zeiten vor Ort händisch ausgelöst werden musste sind heute Varianten mit Funkfernbedienung der Falltür und Videoüberwachung des Gatterinneren im Einsatz. Der Einsatz ist auch jetzt schon in Deutschland unter Bedingungen möglich.

Er bedarf z.B. in Bayern nur einer jagdrechtlichen Ausnahmegenehmigung. Das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten bewertet den Fallenfang mit Saufängen als tierschutz- und waidgerechte Maßnahme, die mit hohem Wirkungsgrad Wildschweinbestände reduzieren kann. „Saufänge sind eine bewährte Maßnahme der Seuchenbekämpfung, die bereits im europäischen Ausland sowie in den Ländern Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sowie auch in Hessen zur ASP-Bekämpfung erfolgreich zum Einsatz kommen“, heißt es in einer Pressemitteilung in B-W.
Der Nationalpark Bayerischer Wald verwendet in den Randzonen des Parks acht stationäre und weitere mobile Saufänge. Pilotprojekte mit Saufängen gab es im Forstbetrieb Schliersee und im Stadtwald Baden-Baden. Die Saufänge werden zur Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest eingesetzt um die Wildschweindichte abzusenken und Infektionsketten zu unterbrechen. Ich glaube, um Schlimmeres im Sinne der zwingend erforderlichen Reduktion in DE zu verhüten müssen wir unsere Jagdstrategien anpassen und dafür uns im Sinne der „Lebendigen Jagdkultur“ bewegen.

Die „Altvorderen“ waren viel öfter im Revier als wir es sind. Das Schwarzwild kommt eben NICHT MEHR am Samstag bei Vollmond an die Kirrung, wenn wir Lust und Zeit zu Jagd haben. Die Vollmond-Hoffnung ist sowieso heute meist vergebens. „Sauwetter ist Sauwetter“ sagt der Volksmund.
Und WIE sollten wir Schwarzwild bejagen? Der Weg könnten Gruppenansitze vieler Jäger in revierübergreifenden Jagden sein. Vor diesen Gruppenansitzen sollte über einen längeren Zeitraum „Hahn in Ruh" für alles Wild gelten. Die Reviere sollten mit Funk-Wildkameras ausgestattet sein, die ein Bewegungs- und Vorhersage-Verhalten der Rotten im Revier ermöglichen. Das muss verantwortlich ausgewertet und danach der Gruppenansitz geplant werden. Die Kirrungen sollten (von nur einer Person) sparsam bekirrt werden und das Kirrgut (senkrecht zur Schießrichtung auseinandergezogen) gut eingearbeitet werden, um das Schwarzwild länger zu beschäftigen. Bezüglich des Kirrgut: Da Mais in unserem derzeitigen Anbauverhalten im Übermaß vorhanden ist, müsste attraktiveres Kirrgut zugelassen sein, z.B. gekochte Kartoffeln. Jäger, die leise sind und zu Fuß schon am frühen Nachmittag die Sitze erreichen. Wenn möglich, die Zuwege ins Revier weiträumig mit Beschilderung („Nicht weiter gehen, Jagd“ o.ä.) sperren. Die Jäger sollten Nachtsicht – und Nachtschießtechnik und gute Schalldämpfer verwenden. Und hier höre ich den Aufschrei der Puristen der Jagdkultur. Ja, für diesen Zweck, Reduktionsjagd bei geringen Lichtverhältnissen bin ich – aus im Sinne des Tierschutz – für
Nachtzieltechnik. Wie oft habe ich Schwarzwild nachsuchen und bergen müssen, das – bei herkömmlicher Jagd – „mitten druf“ geschossen wurde, weil der Schütze nur eine „schwarzen Klumpen“ beschossen hatte, ohne „vorn und hinten“ gesehen zu haben. Die Nachtzieltechnik ermöglichst einen sicheren Schuss „ins Leben“ und die Nachtsichttechnik eine sicheres Ansprechen, mit einem guten Schalldämpfer wird der Schuss manchmal gar nicht als solcher wahr genommen und vertreibt Wild seltener. Ob diese Strategie erfolgreich sein wird, ich weiß es nicht. Aber für mich wäre damit der „Lebendigen Jagdkultur“ deutlich mehr gedient als ein „Festhalten am „status quo“ und später der Einführung der angesprochenen „Horrormaßnahmen“.

Mein Hauptproblem mit diesen Empfehlungen ist eher folgendes: Vor Jahren - als Gastjäger – habe ich an einer Kirrung auf Schwarzwild angesessen, dass nicht kam. Dafür ein 14-Ender (der theoretisch auch frei gewesen wäre), am Rand der Kirrung Lauf an einem Baum äsend. Aber natürlich außerhalb der zulässigen Zeit UND an der Kirrung. Nach dem Ansitz, beim Treffen in der Kneipe, erzählte ich von dem Erlebnis. Ein – Mensch – ich mag ihn nicht Mitjäger nennen – sagte: „Warum hast Du den Hirsch nicht geschossen?“ Ich erklärte ihn, weil es illegal gewesen wäre und er sagte „ein solcher Hirsch wäre für mich reif gewesen“. Es war meine letzte Jagd in jenem Revier und vor solchen jagenden Menschen graust es mir im Sinne der „Lebendigen Jagdkultur“ mehr, als vor dem – wohlbegründeten - Einsatz moderner Technik. Ich bin gespannt auf Reaktionen.
* Ich selbst gehe seit Jahren nicht mehr auf Drückjagden, zu oft habe ich (zumeist in der Wildkammer, nicht auf der Strecke) Sauen mit weggeschnittener Milchleiste gesehen.

Das „möglichst“ ist für mich völlig verwerflich. Die Leitbache ist das absolute Alpha-Tier in der Rotte. Sie führt die Rotte und ist deren Oberhaupt. Die Leitbache ist für eine geordnete Sozialstruktur der Rotte wichtig, jedoch nicht unersetzlich. Die Frage ist jedoch: Wie lange dauert es, bis sie von einer Bei-Bache ersetzt wird? Und wie lange dauert das „Interims-Chaos“? Eine säugende Bache darf hingegen niemals erlegt werden, das ist eine Straftat im Sinne des Tierschutzgesetzes und verstößt gegen die Waidgerechtigkeit.

Nach: Gemeinsame Empfehlungen zur Reduzierung überhöhter Schwarzwildbestände - waldwissen.net
PS: die Beispielbilder sind in den USA aufgenommen. Der Keiler war klar anzusprechen.

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