Von Volker Seifert

Martin Heideggers (* 26. September 1889 in Meßkirch; † 26. Mai 1976 in Freiburg im Breisgau) Denken über die Technik ist eine der prägnantesten Auseinandersetzungen mit der modernen Welt. Sein Begriff des Gestells eröffnet eine Perspektive, in der Technik nicht bloß als Mittel, sondern als Weise des Entbergens verstanden wird. Überträgt man diesen Gedanken auf die Jagd, so zeigt sich ein Wandel vom ursprünglichen Erfahren des Waldes und des Wildes hin zu einer technisch bestimmten Verfügung über Natur und Tier.

1. Technik als Weltverhältnis

Heidegger versteht Technik nicht im Sinne einzelner Werkzeuge oder Apparate, sondern als eine Seinsweise, die das Verhältnis des Menschen zur Welt prägt. Im Gestell (das Ge-Stell) zeigt sich die moderne Technik als ein Entbergen, das alles Seiende unter den Anspruch der Verfügbarkeit und Berechenbarkeit stellt. Der Mensch begegnet der Welt nicht mehr als einer geheimnisvollen, sich zeigenden Ordnung, sondern als einem Bestand, der zur Nutzung bereitliegt.

Die Jagd – ursprünglich ein archaisches Verhältnis zwischen Mensch und Natur – kann in diesem Licht als exemplarisches Feld betrachtet werden, in dem sich das technologische Weltverhältnis offenbart.

2. Die Jagd im Zeitalter des Gestells

Traditionell war die Jagd ein Akt des Wahrnehmens, der Geduld und des Respekts gegenüber dem Wild. Der Jäger war Teil eines Beziehungsgefüges, in dem das Tier nicht bloß Objekt, sondern Gegenüber war. Mit der Einführung moderner Technik – von Zielfernrohren über Wärmebildkameras bis hin zu Drohnen und algorithmisch gesteuerten Wildbeständen – wird dieses Verhältnis zunehmend vom Geist des Bestellens durchdrungen.

Das Wild erscheint nicht mehr als sich entziehendes Wesen, sondern als verwaltbare Ressource. Der Wald wird kartiert, überwacht und optimiert. In dieser Logik verliert die Jagd ihren ursprünglichen Charakter des Entbergens und verwandelt sich in ein technisches Projekt der Kontrolle.

3. Das Entbergen des Entzugs

Heidegger weist jedoch darauf hin, dass im Wesen der Technik auch eine Möglichkeit zur Besinnung liegt. Gerade dort, wo das Gestell alles unter Verfügbarkeit zwingt, kann das Denken auf den Entzug des Seins aufmerksam werden. In der modernen Jagd – etwa im Moment, in dem ein Wärmebildgerät zwar die Bewegung des Tieres sichtbar macht, aber seine Lebendigkeit nicht erfasst – zeigt sich die Grenze technischer Erkenntnis.

Hier eröffnet sich die Möglichkeit eines anderen Entbergens: einer Haltung der Ehrfurcht und des Staunens gegenüber dem, was sich nicht restlos erfassen lässt. Vielleicht kann gerade die Reflexion auf den technischen Zugriff die Jagd wieder zu einem Ort des Nachdenkens über das Verhältnis von Mensch, Natur und Technik machen.

4. Schluss: Vom Jagen zum Denken

Heideggers Technikdenken fordert uns auf, nicht gegen Technik, sondern über sie zu denken. Übertragen auf die Jagd heißt das, den Einsatz von Technik nicht moralisch zu verurteilen, sondern ontologisch zu befragen: Wie verändert sie unser Verhältnis zum Wild, zur Landschaft, zu uns selbst?

Die Jagd im Zeitalter der Technik kann – sofern sie sich ihrer eigenen Verstrickung bewusst wird – ein Raum des Widerdenkens werden. Denn wo der Mensch die Welt nur noch als Bestand erlebt, dort bleibt es eine philosophische Aufgabe, den Blick für das zu schärfen, was sich entzieht.

teraturverzeichnis:

  • Heidegger, Martin: Die Frage nach der Technik. In: Vorträge und Aufsätze. Gesamtausgabe Band 7. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 2000.
  • Heidegger, Martin: Bauen Wohnen Denken. In: Vorträge und Aufsätze. GA 7, Frankfurt/M. 2000.