Begegnungen – Erkenntnisse – Visionen
Wildmeister Dieter Bertram

In großer Anerkennung und aufrichtiger Wertschätzung möchten wir uns bei Ihnen für Ihr langjähriges Engagement im Dienst der Jagd bedanken. Gerade in Zeiten zunehmender Herausforderungen – im Wildtiermanagement, im gesellschaftlichen Dialog oder im jagdpolitischen Raum – sind erfahrene und besonnene Stimmen wie die Ihre von besonderer Bedeutung.“

Mit diesen Worten lud der Bayerische Jagdverband (BJV) nach Feldkirchen ins Haus der Bayerischen Jäger ein. Dieser Einladung folgte ich, verbunden mit der Bitte, Herrn Volker Seifert als Vorstandsmitglied des „Forum Lebendige Jagdkultur“ und der „Gesellschaft zur Erhaltung der Raufußhühner“ in die Gespräche einzubeziehen.

Als Grundlage für den aktuellen jagd- und naturschutzpolitischen Diskurs hatten wir Themenvorschläge unterbreitet:

  1. Der Steinfelder Kreis – ein unabhängiges Forum für Jagd und Naturschutz
  2. Stellungnahme zur Freigabe von Nachtsichttechnik
  3. Kritik an übermäßiger Kirrung
  4. Bedeutungsverlust der Jagdverbände

Begrüßt wurden wir vom Präsidenten des BJV, Ernst Weidenbusch, der Geschäftsführerin Constanza Swoboda sowie vier Fachreferenten. Herr Weidenbusch skizzierte in knappen Worten die jagdlichen und organisatorischen Besonderheiten in Bayern und erläuterte, wie sich der BJV in den vergangenen Jahren für diese Aufgaben neu aufgestellt hat.

IMG 0187Zu Beginn überbrachte ich Grüße von Herrn Dr. Günther Schlieker, ehemaliger Kreisveterinär des Oberbergischen Kreises, der im vergangenen Jahr seinen 100. Geburtstag feierte. Dr. Schlieker hatte eine enge Beziehung zur bayerischen Jagdkultur und zum BJV. Bereits im Jahr 2000 veranstaltete er im Jagd- und Fischereimuseum München eine hochkarätige Tagung im Sinne des „Internationalen Hubertusordens“.

In vierzigjähriger Arbeit verfasste er das umfangreiche Werk Die Verehrung des Heiligen Hubertus im Wandel der Jahrhunderte, das er mir widmete. Mit seiner Zustimmung durfte ich dieses Buch beim Besuch in Feldkirchen dem Verband überreichen. „Ich danke und fühle mich geehrt, dass meine Arbeit im Haus der Bayerischen Jäger einen Platz erhält“, kommentierte er – ein Ausdruck einer außergewöhnlichen jagdlichen Persönlichkeit.

Abb. rechts: Ernst Weidenbusch (li.) und Wildmeister Dieder Bertram (re.).

Jagdpolitische Herausforderungen

Dieter Bertram knüpfte in seinen Ausführungen an die letzte Ausgabe der „Jagd in Bayern“ sowie an die Stellungnahmen des Salzburger Landesjägermeisters Max Mayr-Melnhof an. Dieser bewirtschaftet 6.000 Hektar eigenes Wald- und Jagdgebiet. Dort gilt Pflichtmitgliedschaft in der Salzburger Jägerschaft – und: „Wer kirrt, verliert den Jagdschein.“

Während man in Salzburg klare Regeln verfolgt, praktizieren wir hierzulande oft das Gegenteil:

  • Statt großer Reviere unter kompetenter Führung dominieren vielerorts Kleinreviere und Pirschbezirke.
  • Statt Muttertierschutz und Achtung herrscht Abschuss nach dem Motto „Zahl vor Wahl“ – selbst in der Kinderstube des Wildes.

So klagt der NABU NRW gegen das Land wegen verlängerter Jagdzeiten auf Gänse, während Jagdverbände insgesamt die längsten Jagdzeiten in Europa hinnehmen.

Der Steinfelder Kreis

Volker Seifert stellte den „Steinfelder Kreis“ vor, der 2022 aus Anlass einer privaten Veranstaltung von Wildmeister Bertram entstand. Leitgedanke war:
„Sammeln der Jäger – Auf der Suche nach der jagdlichen Moral.“

Bertram wollte sich im Kloster Steinfeld von der Jagd, nicht aber vom Wild verabschieden, da er Entwicklungen in der Jägerschaft nicht mehr verstand. Zehn Organisationen aus Jagdkultur, Hundewesen, Tierschutz, Wissenschaft und der Verein Hirschgerechter Jäger St. Hubertus widersprachen diesem Gedanken. Daraus entstand der „Steinfelder Kreis“, gegründet von Volker Seifert und Dieter Bertram.

Nachtsichttechnik und Kirrung

2025 08 14 0004Die Nachtsichttechnik war ein zentrales Diskussionsthema. Für manche Jäger bedeutet sie Fortschritt und Bequemlichkeit – für Wildtiere und das Ansehen der Jagd jedoch eine Katastrophe. In der Vergangenheit führten künstliche Lichtquellen zu Jagdscheinentzügen, Ehrengerichtsverfahren und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen.

Auch die Kirrung ist längst außer Kontrolle geraten. Ursprünglich zur Schwarzwildbejagung und -ablenkung eingeführt, wird sie inzwischen auf nahezu alle Schalenwildarten angewendet. Zusammen mit Nachtsichttechnik hat sie die Bestände künstlich hochgetrieben und Schwarzwild in Regionen gelockt, in denen es zuvor nicht vorkam.

Nutznießer sind zudem Waschbären und Dachse, die durch das ständige Futterangebot ihre Winterruhe unterbrechen. Schon vor Jahrzehnten warnte Ulrich Wotschikowski von der „Wildbiologischen Gesellschaft München“:
„Füttern bis die Schweinepest kommt.“

Heute hängt eine ehemals urige, ritterliche Wildart an der Kirrung wie ein Junkie an der Nadel.

Abb. rechts: Kirrung und Nachtsichttechnik ein Weg in die jagdliche Zukunft?

Blick zurück

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass es auch ohne technische Hilfsmittel ging. Während der Kriegs- und Nachkriegszeit war das Wild nahezu unbejagt. Die Jäger waren im Krieg oder entwaffnet und erhielten erst ab 1950 ihre Jagdhoheit zurück. Dennoch gelang es innerhalb von fünf Jahren, den Schwarzwildbestand zu regulieren – ohne Kirrung und Nachtsichttechnik, mit bescheidenen Mitteln.

In der „Jubiläumsschrift 50 Jahre Kreisjägerschaft Olpe“ heißt es für 1958:
„Der Schwarzwildbestand hat weiter abgenommen, auch in den Nachbarkreisen Arnsberg und Meschede ist das Schwarzwild vom Aussterben bedroht.“

Neue Jäger braucht das Land?

Schon vor Jahrzehnten mahnten Karl-Heinz Schuster, ehemaliger LJV-Präsident von Hessen (1981–1989), und Karl von Eggeling, DJV-Geschäftsführer (1965–1971), dass ein Dreijahresjagdschein und wenige Treibjagden nicht ausreichen, um Jagdpächter zu werden. Gefordert waren eine Jagdpächterprüfung oder die Mitgliedschaft in professionell geführten Jagdbetriebsgemeinschaften – beides setzte sich nicht durch.

Auch der Jagdschutz nach § 23 BJG („Für die Einhaltung der zum Schutz des Wildes und der Jagd erlassenen Vorschriften“) verlor an Bedeutung. Offensichtlich fehlt es in den Ministerien am Willen, eigene Gesetze konsequent umzusetzen.

Goethes Worte aus dem „Zauberlehrling“ wirken aktueller denn je:
„Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los.“

Bedeutungsverlust der Jagdverbände

2025 08 14 0005In den letzten fünf Jahrzehnten hat die Jagd erheblich an gesellschaftlichem Ansehen und politischer Relevanz verloren. Viele Verbände vermitteln noch ein Bild der „heilen Welt“. Die Realität sieht anders aus:

  • Hubertusmessen finden teils unter Polizeischutz statt, begleitet von Protesten wie: „Der Heilige Hubertus hat die Jäger lange verlassen.“
  • Lesermeinungen in Verbandszeitungen sind tabu.
  • Selbst eine Obfrau für Öffentlichkeitsarbeit stellte resignierend fest: „Nicht die Jäger, sondern das Wild benötigt mehr Öffentlichkeitsarbeit.“

Wenn auf großen Jagdveranstaltungen ein Drittel der Strecke nicht als hochwertiges Nahrungsmittel, sondern als Abfall gilt, und Schweißhundeführer warnen, selbst zu Jagdgegnern zu werden, müssten längst die Alarmglocken schrillen.

Abb. rechts: Hubertusmesse mit Hirsch und Ehrenwache (Berufsjäger)

Verantwortung gegenüber Wild und Gesellschaft

Bedeutende Schriftsteller, Maler und Musiker haben über Jahrhunderte eine gewachsene Jagdkultur geprägt. Der „Steinfelder Kreis“ sieht sich nicht als Missionar, erinnert jedoch an die Pflicht der Verbände gegenüber Wild und Gesellschaft:
„Das ist des Jägers Ehrenschild, dass er beschützt und hegt sein Wild.“

Im BJV hat sich eine Tür geöffnet, durch die wir gern eintreten, um dem Wild und einer zukunftsorientierten Jagd zu dienen.

Unserem Aufruf im Kloster Steinfeld „Sammeln der Jäger – auf der Suche nach der jagdlichen Moral“ folgte auch Lutz Schorn, ehemaliger Vizepräsident des LJV Nordrhein-Westfalen, mit den Worten:
„Geben wir unseren Wildtieren zurück, was ihnen zusteht – ihre Würde und Wertschätzung.“

Für den Steinfelder Kreis
Dieter Bertram – Vorsitzender der Gesellschaft zur Erhaltung der Raufußhühner
Volker Seifert – Vorstandsmitglied Forum Lebendige Jagdkultur