Von Volker Seifert

Thomas von Aquin (* kurz vor oder kurz nach Neujahr 1225 auf Schloss Roccasecca bei Aquino in Italien; † 7. März 1274 in Fossanova; auch Thomas Aquinas, „der Aquinat(e)“, ein mittelalterlicher Theologe und Philosoph, war eine der prägendsten Figuren der Scholastik und verfasste umfassende Werke, die versuchten, christliche Theologie mit der aristotelischen Philosophie zu verbinden. Sein Naturbegriff ist von zentraler Bedeutung für sein gesamtes Denken und spielt eine wichtige Rolle in seinen ethischen, metaphysischen und theologischen Schriften. Besonders in seiner „Summa Theologiae“ und „Summa Contra Gentiles“ behandelt er das Verhältnis des Menschen zur Natur, die Stellung der Tiere und die menschliche Herrschaft über die Welt.

Die Jagd, als eine der ältesten und bedeutendsten menschlichen Aktivitäten, bietet einen spannenden Rahmen, um Aquins Naturbegriff in der Praxis zu verstehen und zu interpretieren. In dieser Abhandlung soll der Naturbegriff bei Thomas von Aquin erläutert werden, und es wird untersucht, wie seine Philosophie auf die Praxis der Jagd angewendet werden kann.

1. Thomas von Aquins Naturbegriff

Thomas von Aquins Naturbegriff ist stark von der aristotelischen Philosophie beeinflusst, in der die Natur als eine Ordnung verstanden wird, die auf einem teleologischen Prinzip basiert. In der aristotelischen Weltanschauung ist alles, was existiert, in gewisser Weise auf ein Ziel oder einen Zweck hin orientiert. Aquin übernimmt dieses teleologische Weltbild und kombiniert es mit der christlichen Vorstellung, dass die Schöpfung Gottes eine Ordnung darstellt, die dem Menschen zur Erkenntnis und zur besseren Ausübung seiner moralischen Pflichten dient.

1.1 Die Natur als Schöpfung Gottes

Für Thomas von Aquin ist die Natur nicht nur ein mechanisches System, sondern ein von Gott geschaffenes und geordnetes Ganzes. In seiner „Summa Theologiae“ erklärt er, dass die natürliche Welt in ihrer ganzen Vielfalt Ausdruck der göttlichen Weisheit ist. Alles, was in der Natur existiert, hat einen bestimmten Zweck, der mit der göttlichen Ordnung und dem guten Plan Gottes in Einklang steht. Diese Auffassung führt zu der Vorstellung, dass die Natur eine Art „Zweckmäßigkeit“ besitzt, in der jedes Lebewesen und jedes Element der Welt seine Bestimmung hat.

Aquin betont, dass der Mensch von Gott als Teil der Schöpfung in die Natur gestellt wurde. Der Mensch hat jedoch eine besondere Stellung innerhalb der natürlichen Ordnung, da ihm die Fähigkeit zur Vernunft und zur moralischen Entscheidung gegeben ist. In diesem Zusammenhang bedeutet „Natur“ für Aquin nicht nur die äußere Welt, sondern auch die natürliche Vernunft und das moralische Gesetz, das der Mensch in seinem inneren Wesen vorfindet.

1.2 Der Mensch als „Vernunftbegabtes“ Wesen

Ein zentrales Element in Aquins Naturbegriff ist die menschliche Vernunft. Der Mensch unterscheidet sich von den anderen Geschöpfen durch seine Fähigkeit, die Natur zu erkennen, zu verstehen und zu ordnen. Aquin beschreibt den Menschen als „vernunftbegabt“ und sieht die menschliche Vernunft als den höchsten Ausdruck der natürlichen Ordnung. Im „Summa Theologiae“ erläutert er, dass der Mensch in der Lage ist, über die Natur nachzudenken und sie im Einklang mit den göttlichen Geboten zu nutzen.

Der Mensch hat durch seine Vernunft die Aufgabe, die Schöpfung zu beherrschen und zu pflegen, wobei er dabei die Naturgesetze respektieren und in Übereinstimmung mit der göttlichen Ordnung handeln muss. Diese Vorstellung lässt sich auf die Jagd anwenden, da sie als eine menschliche Aktivität betrachtet werden kann, die die natürliche Welt nutzt, aber dabei auch in Einklang mit moralischen und göttlichen Prinzipien ausgeübt werden muss.

2. Die Jagd als eine menschliche Aktivität im Einklang mit der göttlichen Ordnung

Die Jagd ist eine der ältesten und grundlegendsten Aktivitäten des Menschen und lässt sich unter dem Naturbegriff von Aquin als eine Handlung betrachten, die sowohl im Einklang mit der natürlichen Ordnung als auch mit den moralischen und göttlichen Gesetzen stehen muss. Die Frage, wie der Mensch sich der Natur gegenüber verhält und in welchem Maße er Tiere zur eigenen Nahrungsversorgung oder für andere Zwecke nutzen darf, stellt sich in seiner Ethik immer wieder.

2.1 Die Legitimität der Jagd: Nutzen und Missbrauch

Aquin ist der Auffassung, dass der Mensch die Tiere und die Natur in Übereinstimmung mit der göttlichen Ordnung nutzen darf, da sie ihm von Gott zur Verfügung gestellt wurden. In seiner „Summa Theologiae“ spricht er von der natürlichen Herrschaft des Menschen über die Tiere. Er argumentiert, dass der Mensch als das höchste Wesen in der natürlichen Ordnung über das Tierreich herrscht, aber diese Herrschaft nicht in willkürlicher Zerstörung oder Ausbeutung bestehen soll.

Die Jagd kann als eine solche Nutzung der Natur betrachtet werden, die im Einklang mit der göttlichen Ordnung steht, wenn sie mit Vernunft und in Maß und Ziel ausgeübt wird. Die Jagd ist legitim, wenn sie dazu dient, das Leben des Menschen zu erhalten und ihm zu nutzen, sei es als Nahrungsquelle oder aus anderen praktischen Gründen, wie etwa dem Schutz von landwirtschaftlichen Flächen. Der Missbrauch der Jagd, etwa durch übermäßige Ausrottung von Tieren oder sinnlose Grausamkeit, wäre hingegen aus Aquins Sicht moralisch problematisch, da er gegen das Prinzip der göttlichen Ordnung verstieße.

2.2 Die Jagd als ethische Praxis: Tugend und Maß

Aquin legt großen Wert auf die ethische Dimension jeder menschlichen Tätigkeit. Die Jagd, wie jede andere menschliche Aktivität, muss in einem Maß ausgeübt werden, das der Tugend entspricht. Tugend ist für Aquin eine Disposition, in der die menschliche Handlung im Einklang mit der Vernunft und der göttlichen Ordnung steht. Er unterscheidet zwischen den verschiedenen Tugenden, wie der Weisheit, der Tapferkeit und der Mäßigung, und betont, dass alle menschlichen Aktivitäten, einschließlich der Jagd, in Übereinstimmung mit diesen Tugenden ausgeübt werden müssen.

Die Jagd muss in einem Kontext von Mäßigung und Maß ausgeübt werden. Es geht nicht darum, Tiere zu töten, weil es der Lust dient oder um unkontrollierte Gewalt auszuüben. Vielmehr muss die Jagd in einem vernünftigen Rahmen stattfinden, der den Zielen des Lebens und der Versorgung dient. Jagd als eine ungebremste Leidenschaft oder als ein Akt der Grausamkeit wäre aus der Sicht Aquins eine moralisch problematische Handlung.

2.3 Die Jagd und der Respekt vor den Tieren

In Aquins Naturbegriff ist der Respekt vor der natürlichen Ordnung und den Geschöpfen ein wichtiger Punkt. Obwohl der Mensch über die Tiere herrscht, sollte er diesen Respekt in der Praxis der Jagd wahren. Die Tiere sind Teil der göttlichen Schöpfung und haben ihren eigenen Platz im natürlichen Gefüge. Der Mensch hat das Recht, Tiere zu jagen, aber er muss ihre Würde respektieren und in einer Weise handeln, die die göttliche Ordnung anerkennt.

In diesem Sinne wird die Jagd in Aquins Ethik zu einer Handlung, die nicht nur praktische, sondern auch ethische Überlegungen mit sich bringt. Der Jäger muss sich bewusst sein, dass er in einem größeren Zusammenhang handelt, der von göttlicher Weisheit und göttlicher Ordnung geprägt ist.

3. Fazit

Thomas von Aquins Naturbegriff ist von der Vorstellung geprägt, dass die Welt eine geordnete Schöpfung Gottes ist, die vom Menschen in Übereinstimmung mit der göttlichen Ordnung und der natürlichen Vernunft genutzt werden soll. Die Jagd, als eine der menschlichen Tätigkeiten, die mit der Natur in Kontakt treten, wird in diesem Kontext als eine Handlung betrachtet, die in Einklang mit der göttlichen Ordnung und den moralischen Prinzipien stehen muss.

Aquin legitimiert die Jagd als eine Handlung, die im Rahmen der natürlichen Ordnung des Schöpfers sinnvoll und nützlich sein kann, solange sie mit Mäßigung, Vernunft und Respekt ausgeübt wird. Sie darf nicht zu einem Akt der Zerstörung oder der Grausamkeit ausarten, sondern muss im Einklang mit den Tugenden der Weisheit, Tapferkeit und Mäßigung stehen. Die Jagd wird somit zu einer ethischen Praxis, die den Menschen dazu aufruft, verantwortungsbewusst mit der Schöpfung umzugehen und in seiner Rolle als Hüter der natürlichen Ordnung zu handeln.