Von Volker Seifert

In William Shakespeares (getauft am 26. April 1564jul. in Stratford-upon-Avon; gestorben am 23. Apriljul. / 3. Mai 1616greg. ebenda) Komödie As You Like It tritt die Jagd nicht nur als beiläufiges Handlungselement auf, sondern als vielschichtiges Symbol, das den Wandel von Macht, Moral und menschlicher Selbstwahrnehmung spiegelt. Der Wald von Arden, in dem die Handlung fast vollständig spielt, wird zum kosmischen Spiegel für die Beziehung zwischen Mensch und Natur, zwischen Herrschaft und Mitgefühl – und die Jagd, als traditionelle Praxis der höfischen Welt, markiert den kritischen Schnittpunkt zwischen diesen Dimensionen.

Zu Beginn begegnen wir Herzog Senior, der vom Hof vertrieben im Exil lebt, begleitet von seinen Gefolgsleuten. Die Jagd ist für ihn mehr als bloßes Mittel der Nahrungsbeschaffung; sie ist ein Ritual, ein Überbleibsel höfischer Ordnung, ein Zeichen der Kontinuität, selbst in einem Raum, der gesellschaftliche Macht entzieht. Doch Shakespeare unterwirft diese Praxis einer ethischen Reflexion: Herzog Senior empfindet Mitleid mit den Tieren, und seine Jagd wird zur Übung in Verantwortung, nicht zur Demonstration von Macht. Hier offenbart sich ein feines moralisches Gleichgewicht zwischen Tradition und Mitgefühl – eine Balance, die die Jagd in der realen Welt des Hofes längst nicht mehr garantiert.

Die Tiere selbst, insbesondere der Hirsch, tragen symbolische Gewichtung. In der höfischen Kultur steht er für Adel, Würde und natürliche Ordnung. Wenn der Hirsch im Wald stirbt, beobachtet von Jaques, dem melancholischen Philosophen der Komödie, wird die Jagd zur moralischen Anklage: Sie entlarvt den Menschen als eindringendes Wesen, das die Natur für seine Zwecke unterwirft. Jaques’ Kommentare werfen das Handeln der Jäger in ein neues Licht: Die Jagd wird zum Prüfstein ethischer Verantwortung und zur Reflexion über die Grenzen menschlicher Macht.

Doch Shakespeare zeigt die Jagd nicht nur als moralisches Dilemma, sondern auch als metaphorischen Raum für Selbstfindung. Im Wald von Arden wird die Jagd zur Übung der Selbstprüfung: Wer jagt, muss sich fragen, mit welchem Recht, mit welcher Achtsamkeit und welchem Maß er dies tut. Rosalind, die sich als Mann verkleidet, bewegt sich frei in diesem männlich konnotierten Jagd- und Naturraum. Die Jagd, so subtil, wird damit zum Hintergrund einer Neudefinition von Identität und sozialen Rollen, in der alte Hierarchien und Geschlechterkonventionen aufgehoben werden.

Schließlich erhält die Jagd im Verlauf des Stückes eine politische Dimension. Im Exil jagt Herzog Senior ohne Landesherrschaft; die Jagd ist entpolitisiert, ihr Machtcharakter aufgehoben, gleichzeitig aber als Übung in maßvollem Handeln und moralischem Bewusstsein präsent. Die Rückkehr zur höfischen Ordnung am Ende verändert nicht die Erfahrung der Figuren: Die Jagd ist nun nicht mehr nur ein Zeichen adliger Praxis, sondern ein Symbol für ethisch reflektierte Macht und Verantwortung.

In diesem Sinne ist die Jagd in As You Like It weit mehr als ein Handlungsmotiv. Sie wird zum Spiegel menschlicher Tugenden und Fehltritte, zu einem Medium der Reflexion über Macht, Natur und Moral. Shakespeare nutzt sie, um die Spannung zwischen Tradition und individueller Verantwortung, zwischen gesellschaftlicher Hierarchie und ethischem Maß sichtbar zu machen. Die Jagd markiert den Übergang von alten Machtvorstellungen zu einer Ordnung, in der Maß, Mitgefühl und Selbstreflexion die höchsten Werte sind – eine Einsicht, die bis heute für die Betrachtung von Natur, Mensch und Kultur nachwirkt.

 

Literaturverzeichnis – Jagd in As You Like It

Primärliteratur

  • Shakespeare, William. As You Like It. London: First Quarto 1600; moderne kritische Ausgaben:
    – Shakespeare, William. As You Like It. Ed. Barbara A. Mowat and Paul Werstine. New York: Folger Shakespeare Library, 2004.
    – Shakespeare, William. As You Like It. Ed. Ann Thompson and Neil Taylor. Oxford: Oxford University Press, 2006.
  • Shakespeare, William. The Complete Works of William Shakespeare. Ed. Stanley Wells and Gary Taylor. Oxford: Clarendon Press, 1988.
    – Kontextualisierung der Jagd und Naturdarstellung im Gesamtwerk.

Sekundärliteratur zu Jagd und Wald

  • Rackin, Phyllis. Shakespeare and Women. Oxford: Oxford University Press, 2005.
    – Analyse der Wald- und Jagdszenen im Verhältnis zu Geschlechterrollen und Verkleidungsmotiven.
  • Holderness, Graham. Shakespeare’s Forests: Nature and Space in the Plays. Cambridge: Cambridge University Press, 2012.
    – Untersuchung des Waldmotivs als Gegenwelt zum Hof und der Jagd als symbolische Handlung.
  • Bennett, Joan. Shakespeare’s Pastoral Plays and the Natural World. London: Routledge, 1995.
    – Fokus auf As You Like It und die Jagd als moralisch-symbolische Praxis.
  • Kahn, Coppélia. Roman Shakespeare: Warriors, Wounds, and Women. New York: Routledge, 1997.
    – Die Jagd im Kontext von höfischer Kriegerkultur und Machtmetaphorik.
  • Adams, Joseph Quincy. The Jaques Figure: Melancholy and Reflection in Shakespeare. New York: Columbia University Press, 1937.
    – Analyse von Jaques’ Beobachtungen der Jagd und deren ethische Bedeutung.

Kulturhistorische Literatur zur Jagd

  • Cummins, John. The Hound and the Hawk: The Art of Medieval Hunting. London: Weidenfeld & Nicolson, 1988.
    – Grundlagenwerk zur höfischen Jagd und ihrer symbolischen Bedeutung.
  • Almond, Philip C. The Devil and the Hunt. Cambridge: Cambridge University Press, 2011.
    – Symbolik der Jagd zwischen Moral, Mythos und Literatur.
  • Thomas, Keith. Man and the Natural World: Changing Attitudes in England 1500–1800. London: Penguin, 1983.
    – Sozial- und kulturgeschichtlicher Hintergrund der Jagdpraxis und Moralreflexion.