Von Volker Seifert
Voltaire (François-Marie Arouet, 1694–1778) war einer der bekanntesten Philosophen und Schriftsteller der Aufklärung, dessen Werk die Vernunft, den kritischen Verstand und die Skepsis gegenüber religiösen und politischen Autoritäten förderte. In seiner Philosophie stand die natürliche Welt im Mittelpunkt, insbesondere in seiner Kritik an den bestehenden sozialen, politischen und religiösen Strukturen. Voltaires Naturbegriff war stark durch eine Mischung aus empirischem Denken, rationaler Betrachtung und einer gewissen humanistischen Haltung geprägt. Diese Sicht auf die Natur und das menschliche Verhältnis zur Welt bietet interessante Perspektiven, um die Praxis der Jagd zu betrachten.
Der Naturbegriff bei Voltaire
Voltaires Auffassung von Natur ist, ähnlich wie bei anderen Philosophen der Aufklärung, eng mit dem Rationalismus und der Ablehnung von Aberglaube und Metaphysik verbunden. Für Voltaire war die Natur keine Arena von Willkür und Zufall, sondern ein System, das den Gesetzen der Vernunft und der Naturwissenschaften unterworfen ist. Dabei vertrat er eine deistische Auffassung, wonach der Mensch und die Welt zwar von einem göttlichen Schöpfer erschaffen wurden, dieser Schöpfer jedoch nicht aktiv in das Weltgeschehen eingreift. Stattdessen folgt die Welt den natürlichen Gesetzen, die von den Menschen durch Vernunft und wissenschaftliche Entdeckung verstanden werden können.
Voltaire lehnte dogmatische religiöse und metaphysische Erklärungen ab und förderte eine Sicht auf die Welt, die auf empirischer Forschung und rationaler Überlegung basierte. Die „Natur“ bei Voltaire war also nicht nur eine Sammlung von Dingen, die in der Welt vorkommen, sondern auch eine Ordnung, die vom Menschen durch kritisches Denken entdeckt und verstanden werden konnte. In vielen seiner Werke, wie etwa in „Candide“ (1759), thematisiert Voltaire die Absurdität des menschlichen Leidens und den Einfluss von Religion und politischen Strukturen auf das individuelle Leben, was zu einem pragmatischen, auf Vernunft basierenden Naturverständnis führt.
Für Voltaire war die Natur außerdem ein Spiegel der menschlichen Vernunft. Die Natur war nicht nur eine Sammlung physikalischer Phänomene, sondern sie war auch in ihren moralischen und sozialen Implikationen ein System, das mit der menschlichen Vernunft im Einklang stand. In seinem Werk „Philosophische Briefe“ (1734) beispielsweise deutete er an, dass die „Natur“ in gewisser Weise den moralischen Prinzipien entspricht, die den Menschen zur Tugend und zur rationalen Erkenntnis führen. Der Mensch ist also nicht von Natur aus böse oder korrumpiert, sondern kann durch den Gebrauch seiner Vernunft die Welt und sich selbst zum Besseren verändern.
Die Jagd im Kontext von Voltaires Naturbegriff
Die Jagd stellt eine interessante Praxis im Rahmen von Voltaires Naturbegriff dar. Als eine Aktivität, bei der der Mensch in die Natur eingreift, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, könnte die Jagd zunächst als ein Beispiel für das von Voltaire propagierte rationale Handeln gesehen werden – ein Handeln, das auf der Grundlage von Vernunft und natürlichen Bedürfnissen ausgeführt wird. Der Mensch als vernunftbegabtes Wesen handelt nicht aus bloßer Laune oder Wahnsinn, sondern gemäß seiner natürlichen Instinkte und Bedürfnisse.
In Voltaires Weltanschauung könnte die Jagd als eine Handlung betrachtet werden, die in erster Linie der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse wie der Nahrungsbeschaffung dient. Aus dieser Perspektive ist die Jagd eine natürliche Tätigkeit, die der Erhaltung des Lebens dient und im Einklang mit den natürlichen Gesetzmäßigkeiten steht. Voltaire würde jedoch auch kritisch darauf hinweisen, dass diese Praxis nicht unbegrenzt fortgeführt werden sollte, insbesondere nicht aus unnötigem Vergnügen oder ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse und das Wohl der Tiere.
Voltaires Haltung zur Jagd wäre dabei in hohem Maße pragmatisch. Wenn die Jagd ein notwendiger Bestandteil des Überlebens war oder aus kulturellen und praktischen Gründen sinnvoll erschien, könnte sie als gerechtfertigt angesehen werden. Andererseits würde Voltaire die Jagd als moralisch fragwürdig betrachten, wenn sie aus Reichtum und Freizeitvergnügen durchgeführt wird, ohne Rücksicht auf die Tötung von Tieren oder das unnötige Leiden von Lebewesen. Diese Haltung spiegelt Voltaires Ablehnung der verschwenderischen und irrationalen Praktiken wider, die in seiner Zeit weit verbreitet waren, wie etwa das unreflektierte Luxusverhalten der Aristokratie.
Ein weiteres zentrales Thema bei Voltaire war die Kritik an den sozialen Hierarchien und der unreflektierten Macht von Eliten. In diesem Sinne könnte die Jagd als Symbol für die ungerechtfertigte Macht und Vorrechte der Aristokratie und des Adels betrachtet werden, die sich das Recht herausnahmen, Tiere zu jagen und Land zu besitzen, während der Großteil der Bevölkerung mit Armut und Ungerechtigkeit konfrontiert war. Voltaire war ein scharfer Kritiker dieser sozialen Ungleichheiten, und er könnte die Jagd in dieser Form als ein Beispiel für die Ausübung von Macht ohne moralische Rechtfertigung sehen.
Die ethischen und moralischen Implikationen der Jagd
Im Hinblick auf die Ethik und Moral würde Voltaire die Jagd in zwei Hauptaspekten analysieren: erstens in Bezug auf die Natur und den Wert des Lebens und zweitens im Hinblick auf die sozialen Strukturen, die die Jagd umgeben. Die Ethik der Jagd könnte aus Voltaire Sicht als Problem verstanden werden, wenn sie zu grausam oder unnötig ist. Voltaire befürwortete eine Philosophie, die auf Vernunft, Mäßigung und einem verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen beruhte. Dies würde ihn dazu bringen, die Praxis der Jagd zu hinterfragen, wenn sie nicht dem Wohlergehen des Menschen dient oder das Tierleid unnötig in den Vordergrund stellt.
Es gibt in Voltaires Philosophie auch eine kritische Reflexion über die menschliche Tendenz, sich selbst als überlegen und berechtigt zu sehen, über die Natur und ihre Geschöpfe zu herrschen. Die Jagd könnte in diesem Zusammenhang als Ausdruck eines humanistischen Überheblichkeitsgefühls verstanden werden, das sich in einer nicht hinterfragten Herrschaft über Tiere manifestiert. Diese Haltung stand im Gegensatz zu Voltaire's Überzeugung, dass der Mensch in Übereinstimmung mit der Vernunft handeln sollte und dass dies auch die Art und Weise, wie er die Natur behandelt, beeinflussen sollte.
Voltaire und die Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur
Für Voltaire war es wichtig, dass der Mensch die Vernunft und die Wissenschaft als Mittel zur Verbesserung seiner Lebensweise einsetzt. Dies schließt auch den respektvollen und verantwortungsvollen Umgang mit der Natur ein. Die Jagd könnte in dieser Hinsicht als eine Praxis angesehen werden, die einer rationellen, ethischen Überlegung bedarf. Der Mensch muss sich bewusst sein, dass er in einer natürlichen Ordnung lebt und die Verantwortung hat, diese Ordnung zu respektieren, ohne sie unnötig zu zerstören. In einer Welt, die auf Vernunft und wissenschaftlichen Prinzipien basiert, sollte auch die Jagd nicht willkürlich oder grausam sein, sondern einem ethischen und rationalen Standard entsprechen.
Fazit
Voltaires Naturbegriff stellt die Welt als ein System dar, das den Gesetzen der Vernunft und der natürlichen Ordnung folgt. In seiner Betrachtung der Jagd könnte er diese als eine natürliche Handlung ansehen, die den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen dient. Gleichzeitig würde er jedoch auch auf die moralischen und ethischen Implikationen der Jagd hinweisen, insbesondere wenn sie aus Luxus oder Machtanspruch heraus erfolgt. Voltaire würde die Jagd als gerechtfertigt betrachten, wenn sie vernünftig und respektvoll gegenüber den Tieren und der natürlichen Welt durchgeführt wird. Darüber hinaus würde er die Jagd als ein Symbol für soziale Ungleichheiten kritisieren, die auf die verschwenderische Praxis der Aristokratie hinweisen. Insgesamt fordert Voltaire eine rationalere und moralisch verantwortungsbewusstere Auseinandersetzung mit der Natur und den Praktiken, die mit ihr verbunden sind.