Von Volker Seifert
Am Westhang des Naturparks Bergisches Land, unweit der Stadt Leichlingen an der Grenze zu Solingen, steht ein ungewöhnliches Zeugnis jagdlicher Überlieferung: der Rüdenstein. Dieses Denkmal – eine steinerne Hundefigur auf einem Felsvorsprung – ist mehr als nur ein Kunstwerk am Wegrand. Es ist ein kulturelles Symbol der Treue, der Bindung zwischen Mensch und Hund und des jagdlichen Lebens in Wald und Berg.
Entstehung und Denkmalcharakter
Der Rüdenstein wurde am 26. Mai 1927, dem Himmelfahrtstag, enthüllt. Der Widderter Verschönerungsverein hatte die Initiative ergriffen und den Entwurf einem Solinger Metallkünstler und Industriedesigner übertragen; die Hundefigur wurde aus gemahlenem Muschelkalk gefertigt und ruht auf einem steinernen Sockel.
Der feierlichen Einweihung wohnten über 1000 Gäste bei, begleitet von Musikkapellen und Tambourkorps – ein Zeichen dafür, dass der Rüdenstein von Beginn an mehr war als ein bloßes Monument: er wurde als Gemeinschaftserlebnis und erinnerungskulturelles Ereignis verstanden, eingebettet in lokale Traditionen und gesellschaftliche Identität. Seit 1986 ist der Rüdenstein als Denkmal in der Liste der Denkmäler von Leichlingen verzeichnet, ein Hinweis auf seinen historischen und kulturellen Wert.
Abb. rechts: Der Rüdenstein um 1930
Die Sage vom Rüdenstein
Der wahre Kern dessen, was den Rüdenstein so besonders macht, liegt in der Sage, die er verkörpert. Sie führt in die Zeit des Herzogtums Berg im frühen 15. Jahrhundert zurück – eine Epoche, in der die Jagd nicht nur ein höfisches Privileg, sondern auch ein zentrales Element adeliger Lebenswelt war.
Der Überlieferung nach befand sich im Weihnachtswinter des Jahres 1424 der junge Jungherzog Robert von Berg mit einer jagenden Ritterschar im winterlichen Wald. Die Jagdgesellschaft verfolgte einen Hirsch durch den unwegsamen Schnee, als Robert beim Abstieg von einer Anhöhe stürzte und schwer verletzt liegen blieb. Sein treuer Rüde jedoch, statt zurückzubleiben, eilte der vorausreitenden Gesellschaft nach. Er bellte und winselte unermüdlich ins Tal, bis die Kameraden seinem Klang folgten und schließlich den verletzten Herzog am Wupperufer fanden – halb erfroren, aber am Leben. Die bedingungslose Treue des Hundes rettete ihm so das Leben. Diese Tier‑und‑Mensch‑Bindung, die Mut, Loyalität und Verbundenheit im jagdlichen Kontext vereint, ist die erzählerische Essenz des Rüdensteins. Sie macht das Denkmal zu einem lebendigen Zeugnis der jagdlichen Kultur, in der nicht nur Wildbret und Jagderfolg, sondern auch Kameradschaft und gegenseitige Hilfe zentrale Werte darstellen.
Symbolik und kulturelle Bedeutung
Das Denkmal zeigt eine Bracke – einen typischen jagdlichen Hund, der im Mittelalter als Finder, Leit‑ und Meutehund unverzichtbar war. Die Bracke steht hier nicht nur als Jagdhelfer, sondern als symbolisches Sinnbild treuer Hingabe. Diese Darstellung verweist auf die zentrale Rolle von Hunden in der historischen Jagd: sie waren die Helfer des Menschen, seine Augen, seine Spürnasen, oft gerade in schwierigen, winterlichen Waldlandschaften.
Auch die Wahl des weißen Kunststeins besitzt symbolische Dimensionen: Weiß steht traditionell für Licht, Reinheit und Unschuld – Eigenschaften, die man der beschriebenen Treue des Hundes zuschreiben möchte. Über die Jahre hat der umwachsende Wald diese strahlende Wirkung zwar gedämpft, doch gerade dadurch erscheint der Rüdenstein heute wie in die Natur hinein verwachsen – ein stiller, ehrwürdiger Zeuge der Geschichte im Wald.
Erhaltung und Restaurierungen
Der Rüdenstein war nicht immer in seinem heutigen Zustand sichtbar. Witterung, Vegetation und die Kraft der Elemente forderten über Jahrzehnte ihren Tribut. Mehrere Renovierungen und Restaurierungen – 1950, 1972 und 1994 – wurden durch örtliche Vereine und die Stadt Leichlingen initiiert, oft mit Beteiligung der örtlichen Jägerschaft und Heimatvereine. Sie zeigen, wie sehr das Denkmal regional verankert und wertgeschätzt wird.
Wald, Jagd und Erinnerung
Der Rüdenstein ist mehr als nur ein Denkmal; er steht für eine kulturelle Erinnerung an Jagderlebnisse, Naturbegegnungen und emotionale Bindungen, die weit über die reine Nutzfunktion der Jagd hinausreichen. Er erinnert an eine Zeit, in der Jagd und Wald als Lebensraum, Herausforderung und Erlebnis zugleich verstanden wurden – eine Perspektive, die auch heute noch im Naturpark Bergisches Land spürbar ist, wenn Wanderer und Jäger auf den Pfaden zwischen Solingen und Leichlingen Abschweifen und den stillen Ruf der Wälder hören.
Fazit
Der Rüdenstein ist ein Beispiel dafür, wie Sage, jagdliche Erfahrung und kollektives Gedächtnis zu einem greifbaren kulturellen Zeugnis werden. Er verbindet historische Überlieferung mit lokalem Identitätsgefühl, mit den sozialen und emotionalen Dimensionen der Jagd und mit einer wertvollen Erinnerung an getreue Gefährten, die Mensch und Tier gleichermaßen berührt.
Literatur zu Jagd- und Naturdenkmälern
- Heuser, Klaus. Jagd und Erinnerung: Kulturhistorische Denkmäler des Waldes in Deutschland. München: Verlag für Jagd und Natur, 2012.
– Überblick über Jagddenkmäler und ihre kulturhistorische Bedeutung in Deutschland. - Meier, Hans. Die Jagdhunde in Geschichte und Sage. Berlin: Akademie Verlag, 1999.
– Darstellung der Rolle von Hunden in Jagd, Sage und Kunst, einschlägige Abschnitte zu Denkmälern. - Schneider, Peter. Wälder und Legenden: Sagengeschichten im Bergischen Land. Köln: Greven Verlag, 2005.
– Sammlung regionaler Sagen, inklusive der Geschichte des Rüdensteins und vergleichbarer Jagdsagen.
Historische Quellen und Lokalchroniken
- Stadtarchiv Leichlingen. Denkmalverzeichnis Leichlingen 1986. Leichlingen: Stadtverwaltung, 1986.
– Offizielle Dokumentation des Rüdensteins als eingetragenes Denkmal. - Verschönerungsverein Leichlingen. Festschrift zur Einweihung des Rüdensteins 1927. Leichlingen: Eigenverlag, 1927.
– Originalbericht über Entstehung, Feierlichkeiten und gesellschaftliche Bedeutung des Denkmals.