Einleitung

Seit der Rückkehr des Wolfes nach Deutschland vor rund zwei Jahrzehnten wächst seine Population kontinuierlich – begleitet von intensiven Diskussionen über seine Rolle im Ökosystem und seinen Einfluss auf Wildbestände. Der folgende Beitrag beleuchtet den aktuellen Wolfsbestand, die Entwicklung seiner Zahl sowie den geschätzten Fleischbedarf der Tiere. Anhand wissenschaftlicher Daten wird aufgezeigt, wie viele Wildtiere der Wolf jährlich erbeutet und wie dies im Verhältnis zur Jagdstrecke von Reh-, Schwarz- und Rotwild steht. Dabei wird auch berücksichtigt, dass die Wolfsdichte regional stark schwankt und damit auch die ökologischen Auswirkungen lokal sehr unterschiedlich ausfallen können.

Rückkehr des Wolfes in Deutschland: Bestand, Wachstum, Jagd und Beute

1. Wolfsbestand und jährlicher Zuwachs

  • Monitoringjahr 2023/2024: In Deutschland wurden insgesamt etwa 1 601 Wölfe gezählt (einschließlich Rudel, Paare und Einzeltieren).[1]
  • Bei moderatem Wachstum von 3,5 % pro Jahr ergibt sich ein aktualisierter Bestand von etwa 1 658 Wölfen.[2]
    • Die jährliche Zuwachsrate (Territorien / Rudel) hat sich deutlich verlangsamt und lag zuletzt bei rund 3,5 % NABU - Naturschutzbund Deutschland e.V.+1.
    • In anderen Quellen wird eine historische Rate von 30–35 % genannt, diese war jedoch in früheren Phasen der Expansion relevant Wikipedia.
  • Wichtig zu beachten: Die Verteilung der Wölfe in Deutschland ist nicht gleichmäßig – während in Teilen Ostdeutschlands (z. B. Sachsen, Brandenburg, Niedersachsen) eine hohe Wolfsdichte herrscht, sind andere Regionen noch nahezu wolfsfrei.[3] Dies beeinflusst auch regional die Belastung von Wildbeständen durch Prädation.

2. Fleischbedarf und Beuteverteilung

  • Täglicher Fleischbedarf pro Wolf: ca. 3 kg, was bei 1 658 Wölfen insgesamt 4 974 kg pro Tag oder rund 1 815 510 kg pro Jahr ergibt.
  • Verteilung der Beutetiere (nach Gewichtanteil):
    • Rehwild: 50 %
    • Schwarzwild: 30 %
    • Rotwild: 20 %

3. Jahresjagdstrecke in Deutschland

  • Rehwild: Im Jagdjahr 2022/23 wurden etwa 1 305 758 Rehe erlegt.[4]
  • Schwarzwild: Durchschnittlich ca. 614 000 Stück/Jahr, mit Schwankungen zwischen 462 000 und 882 000.[5]
  • Rotwild: Im Jagdjahr 2020/21 wurden 76 458 Stück erlegt.[6]

4. Berechnung der jährlichen Beutetiere für den Wolfbestand (verwertbare Gewichte: Reh 20 kg, Schwarzwild 40 kg, Rotwild 70 kg)

TierartAnteil am FleischbedarfGesamtbedarf (kg)DurchschnittsgewichtBeutetiere pro Jahr
Rehwild 50 % → 907 755 kg 907 755 kg 20 kg ~ 45 388 Rehwild
Schwarzwild 30 % → 544 653 kg 544 653 kg 40 kg ~ 13 616 Schwarzwild
Rotwild 20 % → 363 102 kg 363 102 kg 70 kg ~ 5 187 Rotwild
Gesamt 1 815 510 kg ~ 64 191 Stück

5. Kontext: Wolfsbeute vs. Jagdstrecke

  • Die 45 388 Stück Rehwild, die jährlich durch Wölfe gerissen werden, entsprechen rund 3,5 % der Jagdstrecke im Jahr 2022/23 (1 305 758 Stück).
  • Die 13 616 Stück Schwarzwild machen etwa 2,2 % der durchschnittlichen Schwarzwild-Strecke aus.
  • Die 5 187 Stück Rotwild entsprechen etwa 6,8 % der erlegten Stückzahl im Jahr 2020/21.
  • In Regionen mit hoher Wolfsdichte (z. B. Lausitz oder Heidegebiete Brandenburgs) kann der Anteil an durch Wölfe erbeuteten Wildtieren lokal deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt liegen.[3]

6. Verändertes Verhalten des Wildes durch die Präsenz von Wölfen

Die Rückkehr des Wolfes in deutsche Wälder hat nicht nur direkte Auswirkungen auf Wildbestände durch Prädation, sondern führt auch zu deutlichen Verhaltensänderungen bei Reh-, Schwarz- und Rotwild. Dieser sogenannte „ökologische Druck“ kann langfristig die gesamte Lebensraumnutzung und das Bewegungsmuster des Wildes beeinflussen.

a) Verhaltensanpassungen bei Rehwild

  • Höhere Wachsamkeit: Rehe zeigen in Wolfsgebieten deutlich gesteigerte Vorsicht. Äsungsphasen werden kürzer, die Tiere bewegen sich häufiger zwischen Einstand und Nahrungsfläche.
  • Vermehrte Tagaktivität: Studien zeigen, dass Rehe in Wolfsrevieren verstärkt tagsüber aktiv sind, um Raubfeinden in der Dämmerung und Nacht zu entgehen.
  • Meidung offener Flächen: Rehwild bevorzugt dichteres Deckungsangebot – offene Felder werden seltener zur Nahrungsaufnahme genutzt.

b) Verhaltensänderungen bei Schwarzwild

  • Kleinere Rottenstrukturen: In Wolfsgebieten werden häufiger kleinere Rotten oder Einzelgänger beobachtet. Große Rotten sind für Wölfe leichter zu lokalisieren.
  • Verlagerung der Aktivität: Wildschweine verlagern ihre Aktivität teilweise in die Nachtstunden oder in dichteres Gelände.
  • Vorsichtigeres Raumverhalten: Schwarzwild zeigt ein ausgeprägteres „checking“ von Wechseln und Suhlen, was als Zeichen erhöhter Achtsamkeit gedeutet wird.

c) Auswirkungen auf Rotwild

  • Nutzung von schwer zugänglichen Rückzugsräumen: Hirsche und Kahlwildgruppen ziehen sich häufiger in Steillagen, Dickungen und Feuchtbiotope zurück, die Schutz vor Prädatoren bieten.
  • Kürzere Äsungsphasen: Ähnlich wie Rehwild verkürzt Rotwild die Aufenthaltsdauer auf Äsungsflächen.
  • Veränderte Tagesrhythmen: Auch beim Rotwild kommt es zur zeitlichen Verlagerung der Aktivität, häufig in weniger bejagte Tageszeiten.

d) Ökologischer Effekt: „Landscape of Fear“

Dieses Phänomen beschreibt, wie die bloße Präsenz von Raubtieren wie dem Wolf das Verhalten von Pflanzenfressern so verändert, dass Nutzungsdruck auf Vegetation nachlässt. In Regionen mit Wolfspräsenz zeigt sich lokal:

  • Weniger Verbissschäden an jungen Bäumen,
  • eine größere Strukturvielfalt bei Waldrändern und Jungwuchsflächen.

Diese Effekte sind allerdings stark standortabhängig und werden auch von der Jagdintensität, Freizeitnutzung und Topografie beeinflusst.

Fußnoten

  1. Monitoringjahr 2023/2024: ca. 1 601 Wölfe in Deutschland.
  2. Geschätzte jährliche Zuwachsrate ca. 3,5 %.
  3. Regionale Verteilung laut BfN- und LUPUS-Monitoring: Vorkommen konzentrieren sich auf Nordost- und Ostdeutschland.
  4. Rehwildstrecke: ca. 1 305 758 Rehe (Jagdjahr 2022/23) (umweltanalysen.com).
  5. Wildschwein-Jagdstrecken: Mittelwert ca. 614 000/Jahr, Schwankung zwischen 462 000 und 882 000 (wildtierschutz-deutschland.de, umweltanalysen.com).
  6. Rothirsch-Jagdstrecke 2020/21: 76 458 Stücke (de.wikipedia.org).