Der König, der im Wald zu sich selbst fand
Es gibt Herrscher, deren Verhältnis zur Jagd vor allem eine Frage der Repräsentation war. Andere machten sie zu einem Bestandteil ihrer persönlichen Lebensführung. **Ludwig XV. von Frankreich** gehörte zur zweiten Gruppe. Für ihn war die Jagd weit mehr als ein höfisches Vergnügen. Sie war körperliche Betätigung, handwerkliches Können, Naturerfahrung und zugleich ein Raum, in dem sich der König der aufgeladenen Öffentlichkeit des Hofes für einige Stunden entziehen konnte.
Ludwig XV. (*15. Februar 1710 in Versailles, †10. Mai 1774 ebenda) regierte Frankreich von 1715 bis 1774 und damit nahezu sechs Jahrzehnte. Als er im Alter von nur fünf Jahren den Thron bestieg, war er zunächst das Kind, auf dem die Hoffnungen einer ganzen Monarchie ruhten. In den ersten Jahren seiner Herrschaft wurde er vom Volk als **„der Vielgeliebte“**, französisch *le Bien-Aimé*, verehrt. Später sollte sich dieses Bild ins Gegenteil verkehren: Aus dem Vielgeliebten wurde der **„Ungeliebte“**, *le Mal-Aimé*.
Zwischen diesen beiden Beinamen liegt die Geschichte eines langen Königtums – und eine Geschichte, in der die Jagd einen bemerkenswert konstanten Platz einnahm.
Die Jagd als persönliche Leidenschaft
Die Bourbonen waren leidenschaftliche Jäger. Auch Ludwig XV. wurde schon als Kind an die verschiedenen Formen des höfischen Waidwerks herangeführt. Nach Angaben des Château de Versailles begann seine intensive Beschäftigung mit der Jagd bereits im Alter von sechs Jahren. Später entwickelte er insbesondere eine Vorliebe für die Jagd mit der Meute und für die Jagd mit der Schusswaffe.
Bemerkenswert ist dabei, dass Ludwig die Jagd nicht lediglich als angenehme Zerstreuung betrachtete. Er interessierte sich für ihre **technische Seite**. Das Zusammenspiel von Pferd und Reiter, das Verhalten des Wildes, die Arbeit der Hunde, das Lesen des Geländes und der präzise Ablauf einer Jagd waren Bestandteile eines komplexen Könnens.
Damit steht Ludwig XV. in einer Tradition, die für das europäische höfische Waidwerk des 17. und 18. Jahrhunderts von erheblicher Bedeutung war. Die Jagd war nicht nur das Erlegen eines Stückes Wild. Sie war eine Schule der Aufmerksamkeit.
Wer jagt, muss beobachten können. Er muss Gelände lesen, Wind und Wetter einschätzen, die Bewegungen des Wildes verstehen und die Fähigkeiten seines Pferdes und seiner Hunde richtig beurteilen. Gerade die Parforcejagd verlangte ein hohes Maß an körperlicher Beherrschung und eine genaue Kenntnis des Verhaltens des Wildes.
Für Ludwig XV. lag darin ein wesentlicher Teil des Reizes.
Abb. rechts: Ludwig XV. auf der Jagd. Gemälde von Jean-Baptiste Oudry
Drei Jagdtage in der Woche
Die Intensität, mit der Ludwig XV. jagte, lässt sich kaum mit dem Bild einer gelegentlichen höfischen Zerstreuung vereinbaren. Wenn Krankheit oder militärische Unternehmungen ihn nicht daran hinderten, ging er durchschnittlich etwa dreimal in der Woche auf die Jagd. Die Jagd war damit zugleich seine wichtigste körperliche Betätigung.
Die höfische Infrastruktur war auf diesen Lebensrhythmus eingestellt. Pferde, Stallungen, Hundemeuten, Bedienstete und Jagdpersonal bildeten einen eigenen Kosmos.
Die Bedeutung des Pferdes für die königliche Jagd kann kaum überschätzt werden. Das Château de Versailles berichtet, dass die Bourbonenkönige zwischen 150 und 180 Jagdausflüge im Jahr unternahmen. Für Ludwig XV. standen 1761 allein 26 sogenannte *coureurs* zur Verfügung. Während einer Jagd wechselte der König seine Pferde mehrfach: vier Pferde konnten bei einer Hirschjagd erforderlich sein, drei bei der Jagd auf den Schwarzwild und zwei bei der Rehwildjagd.
Diese Zahlen erzählen mehr als nur von höfischem Luxus. Sie zeigen, wie sehr die Jagd in Versailles zu einer **institutionalisierten Kulturtechnik** geworden war.
Versailles – vom Jagdschloss zum Zentrum der Monarchie
Die Verbindung zwischen Versailles und der Jagd reicht weit vor Ludwig XV. zurück. Ludwig XIII. entdeckte die Gegend als besonders wildreiches Jagdgebiet und ließ dort in den 1620er Jahren ein Jagdschloss errichten. Aus diesem zunächst bescheidenen Jagdsitz entwickelte sich unter Ludwig XIV. schließlich das Schloss von Versailles.
Damit liegt in der Geschichte von Versailles selbst ein bemerkenswertes kulturgeschichtliches Paradox: Eine der mächtigsten politischen Bühnen Europas entstand aus der Leidenschaft eines Königs für die Jagd.
Unter Ludwig XV. blieb diese Herkunft lebendig. Der Wald war nicht bloß Kulisse für höfische Zeremonien. Er war weiterhin ein Raum königlicher Praxis.
Wenn Ludwig den Hof verließ und zur Jagd aufbrach, änderte sich der Charakter seiner Umgebung. Der König begegnete dort nicht nur Höflingen, Diplomaten und Ministern, sondern Pferden, Hunden, Wild und Gelände. Die Hierarchie des Hofes blieb zwar bestehen, doch die Jagd verlangte andere Fähigkeiten als das höfische Zeremoniell.
Abb. rechts: Jagdschloss Versailles vor der Erweiterung durch Ludwig XIV.
Die Jagd als Zugang zum König
Gerade darin lag ihre politische Bedeutung.
Wer mit dem König jagte, erhielt Zugang zu einer Form seiner persönlichen Gesellschaft, die außerhalb der offiziellen höfischen Ordnung lag. Das Château de Versailles weist ausdrücklich darauf hin, dass die Teilnahme an der königlichen Jagd für Höflinge eine privilegierte Möglichkeit war, in die persönliche Nähe des Königs zu gelangen. Nicht selten lud Ludwig diejenigen, die ihn auf der Jagd begleitet hatten, anschließend zum Abendessen in seine privaten Räume ein.
Die Jagd wurde damit zu einem **sozialen Raum der Nähe**.
Man könnte sagen: Am Hof wurde um die Gunst des Königs gerungen – im Wald konnte man sie erwerben.
Die Jagd verband dabei mehrere Ebenen. Sie war sportliche Herausforderung, gesellschaftliches Ereignis, höfisches Ritual und politisches Netzwerk zugleich. Wer neben dem König ritt, gehörte für einige Stunden zu seinem unmittelbaren Umfeld.
Gerade für einen eher zurückhaltenden und melancholischen Menschen wie Ludwig XV. war dies von besonderer Bedeutung. Das Château de Versailles beschreibt ihn als einen eher schüchternen, melancholischen Herrscher, der die Intimität seiner privaten Räume und einen begrenzten Kreis vertrauter Menschen bevorzugte.
Die Jagd entsprach diesem Bedürfnis nach einer weniger öffentlichen Form des Zusammenseins.
Zwischen Jagdleidenschaft und höfischer Welt
Ludwig XV. war dabei keineswegs ausschließlich der Jäger auf dem Pferd. Seine Interessen waren bemerkenswert vielfältig. Er beschäftigte sich mit Wissenschaft, Botanik, Medizin, Astronomie, Geographie und Geschichte. Auch seine Gärten und seine naturkundlichen Sammlungen zeugen von einer ausgeprägten Neugier gegenüber der Natur.
Die Jagd steht deshalb nicht isoliert in seinem Leben. Sie gehört vielmehr zu einem größeren Naturverständnis des 18. Jahrhunderts.
Das Wild war Gegenstand der Jagd, zugleich aber Gegenstand genauer Beobachtung. Tiere wurden gemalt, beschrieben, gesammelt und systematisch betrachtet. Die Tiermalerei gewann in dieser Zeit eine neue Bedeutung. Der Maler Jean-Baptiste Oudry wurde unter Ludwig XV. zu einem der bedeutendsten Tier- und Jagdmaler seiner Zeit. Im Auftrag des Königs entstanden zahlreiche Darstellungen von Jagden und Wildtieren.
Damit wurde die Jagd auch zu einem Gegenstand der Kunst.
Das Tier war nicht länger lediglich Beute. Es wurde zum Gegenstand ästhetischer und zunehmend auch naturkundlicher Betrachtung.
Madame de Pompadour und die andere Seite von Versailles
Zum Bild Ludwigs XV. gehört schließlich untrennbar Jeanne-Antoinette Poisson, Marquise de Pompadour. Sie war seine bekannteste Mätresse und wurde später seine Vertraute und Beraterin. Ludwig lernte sie 1745 in Versailles kennen; noch im selben Jahr wurde sie seine offizielle Favoritin.
Madame de Pompadour war nicht nur eine Figur des privaten Lebens des Königs. Sie wurde zu einer bedeutenden Persönlichkeit des höfischen und kulturellen Lebens. Ihre Interessen reichten von Architektur und Kunst bis zur Förderung der Wissenschaften und der französischen Porzellanmanufaktur von Sèvres.
Auch in Versailles hinterließ sie ihre Spuren. Für sie ließ Ludwig XV. unter anderem das Petit Trianon errichten, das zu einem privaten Rückzugsort wurde.
Interessant ist die Verbindung zur Jagd: Während die Jagd den König hinaus in den Wald führte, entstanden zugleich innerhalb der königlichen Domäne Räume, in denen Natur auf andere Weise erfahren und gestaltet wurde. Trianon wurde zu einem Ort der Botanik, des Experiments und der privaten Welt des Königs.
So begegnen sich bei Ludwig XV. zwei scheinbar gegensätzliche Formen des Naturerlebens: die Jagd als unmittelbare Begegnung mit Wild und Landschaft und die Botanik als ordnende, beobachtende Beschäftigung mit der Natur.
Der König und seine Hunde
Eine Jagdkultur lässt sich niemals allein über den Jäger verstehen. Zu ihr gehören die Tiere, die ihn begleiten.
Die königlichen Jagdhunde besaßen in Versailles einen besonderen Stellenwert. Porträts der bevorzugten Hunde Ludwigs XV. schmückten die königlichen Räume ebenso wie Darstellungen von Jagdszenen und Karten der königlichen Forsten. Die Jagd wurde damit selbst Teil der visuellen Selbstdarstellung des Königs.
Der Hund war dabei weder bloß Werkzeug noch dekoratives Beiwerk. In der traditionellen europäischen Jagd bildete sich zwischen Jäger, Pferd und Hund ein komplexes Zusammenspiel heraus.
Der gute Jäger musste seinem Hund vertrauen können.
Und der gute Jagdhund musste nicht nur Wild finden, sondern es lesen können: Spur, Wind, Gelände und Verhalten waren die Elemente seiner Arbeit.
Gerade in dieser Beziehung liegt ein kulturgeschichtlicher Kern der alten Jagd, der in einer rein technischen Betrachtung leicht verloren geht.
Jagd als Schule der Beherrschung
Das Jagdverständnis Ludwigs XV. war eingebettet in eine Gesellschaft, in der Selbstbeherrschung, körperliche Gewandtheit und Kenntnis des Tieres zum Ideal des gebildeten Jägers gehörten.
Die Parforcejagd war keineswegs einfaches Reiten hinter flüchtendem Wild. Sie verlangte Ausdauer, Orientierung und die Fähigkeit, das Verhalten des Wildes zu verstehen. Der Jäger musste wissen, wann er folgen, wann er warten und wann er eingreifen musste.
In diesem Sinne besitzt die Jagd eine ethische Dimension, die über die reine Trophäe hinausweist.
Sie zwingt den Menschen dazu, sich auf etwas einzulassen, das nicht seinem Willen unterworfen ist.
Das Wild entscheidet selbst, wohin es zieht. Der Wind lässt sich nicht befehlen. Das Pferd reagiert auf das Gelände. Der Hund folgt einer eigenen Wahrnehmung. Und schließlich bestimmt auch das Wetter, ob eine Jagd überhaupt möglich ist.
Der Jäger kann planen – aber er kann die Natur nicht vollständig beherrschen.
Vielleicht lag gerade darin ein Teil der Faszination für Ludwig XV.
Vom „Vielgeliebten“ zum „Ungeliebten“
Das lange Königtum Ludwigs XV. endete anders, als es begonnen hatte.
Der junge König war einst als „le Bien-Aimé“ – der Vielgeliebte gefeiert worden. Nach einer schweren Erkrankung 1744 hatte seine Genesung eine Welle öffentlicher Begeisterung ausgelöst. Doch im weiteren Verlauf seiner Herrschaft nahm seine Popularität erheblich ab. Politische Konflikte, finanzielle Belastungen, die Niederlagen Frankreichs in mehreren Kriegen und die zunehmende Kritik an der höfischen Lebensweise beschädigten sein Ansehen.
Am Ende seines Lebens war aus dem Vielgeliebten der „Mal-Aimé“, der Ungeliebte, geworden.
Auch seine Mätressen wurden dabei zum Gegenstand öffentlicher Kritik. Besonders Madame de Pompadour, obwohl sie seit den 1750er Jahren nicht mehr seine Geliebte, sondern seine Vertraute war, blieb für die Nachwelt eng mit dem Bild des Königs verbunden.
Die Jagd hingegen blieb eine Konstante.
Was bleibt vom Jäger Ludwig XV.?
Ludwig XV. ist heute vor allem als Herrscher des Ancien Régime, als Monarch der Aufklärungsepoche, als Gegenspieler und Partner europäischer Mächte und als König von Versailles bekannt.
Für die Geschichte der Jagdkultur ist jedoch eine andere Seite interessant.
In Ludwig XV. begegnet uns ein Herrscher, der die Jagd nicht nur als höfische Inszenierung, sondern als persönliche Leidenschaft betrieb. Er schätzte ihre Technik, ihre körperliche Herausforderung und die besondere Nähe zu Pferd und Hund. Die Jagd war für ihn zugleich Sport, Naturerfahrung und gesellschaftlicher Raum.
Das macht seine Person für die Jagdgeschichte bemerkenswert.
Denn die Jagd des 18. Jahrhunderts war ein Spiegel ihrer Zeit: Sie war privilegiert und hierarchisch, verschwenderisch und kunstvoll, politisch und persönlich. Sie stand für die Macht des Adels über Raum und Wild, zugleich aber für eine Kultur, in der sich über Generationen ein erstaunlich differenziertes Wissen über Tiere, Landschaft, Pferde und Hunde entwickelt hatte.
Wer Ludwig XV. nur als den dekadenten König des späten Ancien Régime betrachtet, wird dieser Seite seiner Persönlichkeit nicht gerecht.
Und wer seine Jagd lediglich als aristokratisches Vergnügen abtut, übersieht ihre kulturgeschichtliche Bedeutung.
Im Wald war Ludwig XV. nicht nur König. Er war Jäger.
Vielleicht erklärt gerade dieser Unterschied einen Teil der Faszination, die von der historischen Jagdkultur bis heute ausgeht: Für einige Stunden löste sich der Herrscher aus dem Zeremoniell der Macht und wurde Teil eines älteren Spiels – eines Spiels zwischen Mensch, Tier, Pferd, Hund und Landschaft.
Die Jagd machte ihn nicht weniger zum König.
Aber sie erlaubte ihm, für einen Augenblick weniger König und mehr Mensch zu sein.