Von Volker Seifert

Leopold Mozarts (* 14. November 1719 in Augsburg; † 28. Mai 1787 in Salzburg) Sinfonia da caccia („Jagdsinfonie“ LMV VII:G9) gehört zu jenen Werken des 18. Jahrhunderts, in denen Musik nicht nur als autonome Kunst, sondern als gesellschaftliches Ereignis verstanden wird. Sie ist weniger Sinfonie im späteren klassischen Sinn als vielmehr ein klingendes Bild höfischer Lebenswelt – ein akustisches Panorama der Jagd, wie sie für den Adel der Zeit zugleich Vergnügen, Machtdemonstration und Ritual war. In dieser Komposition tritt Leopold Mozart als scharfer Beobachter seiner Umwelt hervor, der die Mittel der Musik nutzt, um eine Szene nicht zu verklären, sondern mit erstaunlicher Direktheit erfahrbar zu machen.

900px HoeremDie Jagd war im 18. Jahrhundert ein zentraler Bestandteil fürstlicher Repräsentation. Hörner, Signale, Hunde und Schüsse gehörten zur akustischen Kulisse des Hoflebens ebenso selbstverständlich wie Tanzmusik oder Oper. In der Sinfonia da caccia wird diese Klangwelt nicht symbolisch angedeutet, sondern nahezu dokumentarisch in Musik übersetzt. Schon die Besetzung verweist darauf: Naturhörner prägen den Klangraum mit ihren fanfarenartigen Motiven, während Streicher die Bewegung und Unruhe der Jagd imitieren. Hinzu kommen Elemente, die den Rahmen der „reinen“ Musik sprengen – Gewehrschüsse und Hundegebell –, wodurch die Grenze zwischen musikalischer Darstellung und realem Geräusch bewusst verwischt wird. Das Titelblatt der Wiener Handschrift trägt die Überschrift: Die Jagd Sinfonie / 4 Violini / 4 Corni ex D / 2 Corni ex G / 2 Violi / eine Kugelbichse / et / Basso.

Der Verlauf des Werkes folgt einer klaren dramaturgischen Logik. Fanfarenartige Signale markieren den Aufbruch, rhythmisierte Figuren in den Streichern lassen das Treiben der Jagd lebendig werden, und die Schüsse setzen einen kaum zu überhörenden Höhepunkt. Diese Effekte sind nicht zufällig, sondern Teil eines erzählerischen Konzepts: Die Jagd wird als Abfolge von Handlungsmomenten erfahrbar, als Bewegung im Raum und in der Zeit. Damit steht das Werk in einer frühen Tradition der Programmmusik, lange bevor dieser Begriff im 19. Jahrhundert ästhetisch aufgeladen wurde.

Bild rechts: Peter Jakob Horemans, Jagdgesellschaft vor Schloss Nymphenburg (um 1750)

Leopold Mozart schreibt zur Ausführung der Sinfonie:

„Erstlich müßten die g horn ganz rauh geploßen werden, wie es nemlich bey der Jacht gewöhnlich und so forte alß immer möglich. item kann auch ein hifthorn da bey sein. Dann soll man etliche hunde haben die bellen, die übrigen aber schreyen zusam ho ho etl. aber nur 6 Tact lang“

Stilistisch bewegt sich die Sinfonia da caccia im Übergang vom Barock zur Frühklassik. Die musikalische Sprache ist klar, periodisch und auf unmittelbare Wirkung hin angelegt. Komplexe kontrapunktische Arbeit tritt zugunsten prägnanter Themen und deutlicher Gesten zurück. Gerade diese Einfachheit erweist sich als Stärke: Sie ermöglicht es, außermusikalische Bedeutungen ohne Umwege zu transportieren. Die Hörner sprechen die Sprache der Jagd, und das Publikum verstand sie unmittelbar.

Bemerkenswert ist der spielerische, beinahe ironische Ton, der das Werk durchzieht. Leopold Mozart überhöht die Jagd nicht pathetisch, sondern präsentiert sie mit einem Augenzwinkern. Das Hundegebell wirkt weniger heroisch als komisch, die Schüsse sind zugleich Effekt und Überraschung. In dieser Mischung aus Ernst und Unterhaltung zeigt sich eine Nähe zur damaligen Unterhaltungskultur, zur Theatermusik und zur Volksnähe, die Leopold Mozart bewusst pflegte.

Heute wirkt die Sinfonia da caccia wie ein akustisches Zeitdokument. Sie erlaubt einen unmittelbaren Einblick in die Klangvorstellungen und Hörgewohnheiten des 18. Jahrhunderts und zeigt, wie eng Musik, Alltag und Repräsentation miteinander verflochten waren. Zugleich erinnert sie daran, dass Programmmusik nicht erst mit der Romantik begann, sondern bereits in der Klassik – wenn auch mit anderen ästhetischen Zielen. Leopold Mozarts Werk steht damit exemplarisch für eine Musik, die erzählen will, die unterhalten will und die ihre Wirkung nicht im Abstrakten sucht, sondern im sinnlichen Erleben.

 

Bücher und Monographien

  • Eisen, Cliff. The Classical Horn: Its History, Technique and Repertoire. Oxford: Oxford University Press, 2015.
    – Enthält Kapitel zur Jagdmusik und frühen Hornliteratur, einschließlich Leopold Mozart.
  • Heartz, Daniel. Music in European Capitals: The Classical Era. New York: W.W. Norton, 2003.
    – Überblick über musikalische Kulturhöfe im 18. Jahrhundert.
  • Helm, Helmut. Leopold Mozart – Leben und Werk. Salzburg: Mozarteum, 1991.
    – Biographische und werkbezogene Darstellung, inklusive der Sinfonia da caccia.
  • Rice, John A. Antonio Salieri and Viennese Opera. Chicago: University of Chicago Press, 1998.
    – Kontext zur höfischen Musikpraxis und Programmmusik.
  • Zohn, Steven. Music for the Hunt: Programmatic Instrumental Music in the 18th Century. Cambridge: Cambridge University Press, 2010.
    – Detaillierte Analyse von Jagdwerken, u. a. Leopold Mozart und Telemann.