Von Volker Seifert
Wenn man die Seiten alter Jagdzeitschriften aufschlägt, öffnet sich ein Fenster in eine andere Welt. Der Deutsche Jäger von 1878, Die Pirsch und Wild und Hund in ihren ersten Nachkriegsjahrgängen – sie alle sind mehr als bedrucktes Papier. Sie sind Zeugnisse einer Kultur, in der Jagd nicht nur Handwerk war, sondern Ausdruck von Verantwortung, von Ethik, von Ästhetik. In den Zeilen finden sich nicht nur Revierberichte oder Schussstatistiken, sondern Miniaturen über das Leben des Wildes, Essays über Hegepflichten, kritische Auseinandersetzungen mit Brauchtum und Moral, gelegentlich ein Gedicht oder eine kleine Naturbeschreibung, die dem Leser den Atem der Wälder nahebringt.
„Die Kunst des Waidwerks besteht nicht allein im Töten, sondern im Anschauen, im Verstehen, im Fühlen der Natur“, schrieb ein Redakteur der Allgemeinen Forst- und Jagdzeitung 1892. In dieser Zeit war die Jagdpresse Hüterin einer moralischen und ästhetischen Ordnung. Sie lehrte den Jäger, dass die Waidgerechtigkeit kein dogmatisches Gesetz, sondern eine Haltung ist – ein Zusammenspiel von Wissen, Verantwortung und innerer Achtung.
Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten Zeitschriften wie Wild und Hund oder Der Deutsche Jäger diese Tradition wieder auf. Sie gaben den Jägern Orientierung in einer zerrütteten Welt. Sie vermittelten nicht nur Technik oder Ballistik, sondern auch Werte: die Achtung vor dem Wild, die Pflicht zur Hege, die Notwendigkeit, sich selbst zu prüfen, bevor man den Abzug drückt. „Die Jagd ist angewandte Ethik“, hieß es in einem Leitartikel der frühen 1950er Jahre. Wer jagte, lernte Verantwortung – nicht nur für das Wild, sondern für sich selbst.
Doch seit den 1990er Jahren begann der stille Niedergang. Die Blätter wurden schwerfälliger, die Seiten immer mehr von Werbung, Jagdreisen und Ausrüstungschecklisten beherrscht. Wo früher Essays standen, treten heute kurze, reißerische Reportagen. Wo einst philosophische Betrachtungen über das Verhältnis von Mensch und Natur prägten, dominieren nun Fotostrecken und Marktberichte. Jagdethik, Jagdkultur, literarische Reflexionen – sie weichen der Eventisierung und Konsumlogik.
Ein erfahrener Berufsjäger, der das Revier und die Zeitschriften seit Jahrzehnten kennt, klagt: „Wir jagen heute mit Präzisionstechnik und digitalen Hilfsmitteln, aber wir haben verlernt, zu fragen, warum wir jagen. Die Medien, die uns einst führten, schweigen dazu.“ Die Worte hallen nach, wenn man durch die Spalten blättert: Die Jagdpresse, die einst moralische und kulturelle Leitplanken setzte, ist vielerorts zu einem bloßen Begleiter der Erlebnisgesellschaft geworden.
Die Folgen sind tiefgreifend. Junge Jäger lernen heute selten die Reflexion über Waidgerechtigkeit, über Kulturgeschichte oder ethische Dilemmata. Sie lernen vielmehr, wie man Ausrüstung testet, wie man Schussweite optimiert, wie man Jagdreisen bucht. Die Jagdpresse, die jahrhundertelang eine Brücke zwischen Tradition und Moderne, Wissen und Ethik, Handwerk und Kultur schlug, ist selbst ein Opfer des Medienwandels geworden.
Früher war das Jagdhundewesen ein Hort von Wissen und Erfahrung, sorgfältig dokumentiert von Koryphäen wie Konrad Andreas, Rolf Kröger, Bernd Krewer oder Dr. Carl Tabel. Ihre Artikel waren mehr als Anleitungen; sie waren Lehrstücke der Jagdkultur selbst. Jede Zeile atmete Praxis, jahrzehntelange Erfahrung, Respekt vor dem Tier und Bewusstsein für die Verantwortung des Menschen. Vom Vorstehen des Vorstehhundes über die feinsinnige Spurarbeit bis hin zur Beurteilung von Temperament und Charakter – alles wurde nicht nur erklärt, sondern begründet, reflektiert, mit der Ethik der Waidgerechtigkeit verwoben. Wer diese Texte las, lernte nicht nur Technik, sondern Haltung.
Heute jedoch wirkt das Jagdhundewesen in der Presse oft wie ein Schatten seiner selbst. Redaktionen greifen auf gesundes Halbwissen, schnelle Erfahrungsberichte oder aggregierte Online-Quellen zurück. Artikel über Hundearbeit erscheinen als Checklisten oder Produktvorstellungen, die den Kern – die enge, ethisch fundierte Bindung zwischen Mensch und Tier – nur noch streifen. Wo einst Meister ihres Fachs die Leser in die Welt des Jagdhundes einführten, herrscht nun Oberflächlichkeit: Information ersetzt Erfahrung, Effizienz verdrängt Reflexion, Klickzahlen dominieren die Tiefe.
Das Resultat ist eine stille Erosion der Tradition: Junge Jäger, die sich auf solche Medien verlassen, erwerben kaum noch das Wissen, das einst Generationen verband. Sie lernen die Hunde zu führen, aber nicht, sie zu verstehen; sie jagen, aber nicht, wie man mit Haltung und Verantwortung jagt. Die Jagdpresse, die über Jahrhunderte Kultur, Ethik und Fachkompetenz vermittelte, ist in dieser Domäne zu einem Medium der Oberflächenrezeption geworden – ein Symbol für den größeren Niedergang der Jagdkultur selbst.
Und doch bleibt die Fackel nicht gänzlich erloschen. Kleine Nischenblätter, digitale Plattformen von engagierten Jägern, private Initiativen versuchen, das Erbe weiterzutragen. Sie erinnern daran, dass Jagdkultur mehr ist als Konsum, mehr als Technik, mehr als Erlebnis – dass sie Haltung, Ethik und Reflexion bedeutet. Dass die Jagd ein kulturelles Erbe ist, das bewahrt, diskutiert und gelebt werden muss.
Die Jagdpresse steht damit exemplarisch für den Verlust kultureller Tiefenschärfe in einer Zeit der Beschleunigung und Vereinfachung. Sie ist das Symbol einer Epoche, in der das gedruckte Wort, das philosophische Nachdenken, die moralische Reflexion langsam von der Oberfläche der Erlebnisgesellschaft verdrängt werden. Doch wer aufmerksam liest, wer sucht, der findet noch die leisen Stimmen vergangener Generationen – Stimmen, die nach wie vor mahnen, die Kultur der Jagd nicht aufzugeben, die Ethik nicht zu vergessen und die Wälder mit Blicken zu betreten, die über den Schuss hinausreichen.